Umgang mit Erwartungen

Situation im Erstaufnahmeland

Menschen, die über Resettlement oder ein humanitäres Aufnahmeprogramm (HAP) nach Deutschland kommen, stellen eine besondere Gruppe von Geflüchteten mit einer oft langen und schweren Fluchtgeschichte dar.
Sie haben ihr Herkunftsland unfreiwillig verlassen und über einen längeren Zeitraum in Transitländern gelebt. Die Situation im Erstzufluchtsland ist häufig gekennzeichnet von Perspektivlosigkeit und bietet keine langfristige Sicherheit. Oftmals befinden sich die Flüchtlinge in langanhaltenden Fluchtsituationen und leben bereits viele Jahre in provisorischen  und temporären Wohnverhältnissen und je nach Erstzufluchtsland auch in Zeltlagern. Weder eine Rückkehr ins Herkunftsland noch eine Integration im ersten Aufnahmestaat sind absehbar möglich oder zumutbar. In vielen Fällen ist der Aufenthalt im Erstzufluchtsstaat zudem illegal und stellt so eine besonders prekäre Lebenslage dar. Der Zugang zu Gesundheitsversorgung oder Bildung ist häufig stark eingeschränkt. Geflüchtete sind auf Hilfeleistungen internationaler Organisationen angewiesen und befinden sich so in Abhängigkeit.

Unterstützungsarbeit – auf Augenhöhe mit Geflüchteten?! – ein Reflexionsvideo des IQ Netzwerkes Baden-Württemberg und des Netzwerkes Rassismuskritische Migrationspädagogik Baden-Württemberg

Aufnahmeprogramme bieten vor diesem Hintergrund die Möglichkeit  besonders schutzbedürftige Personen aus menschenunwürdigen Zuständen umzusiedeln und ihnen ein Leben unter besseren Gegebenheiten zu ermöglichen.
Viele der Flüchtlinge warten bereits eine lange Zeit auf eine Aufnahmezusage Deutschlands und entsprechend hoch sind die Erwartungen und Hoffnungen an ein neues Leben in Deutschland.
Dabei stellt der Migrationsprozess nach Deutschland, wie für alle Geflüchteten, eine tiefgreifende Veränderung im Leben der Menschen dar.
Der Prozess der Einreise unterscheidet sich bei Aufnahmeprogrammen von anderen Geflüchteten. Menschen, die über einen legalen Weg nach Deutschland kommen, haben meist zwischen der Aufnahmezusage und der tatsächlichen Ausreise verhältnismäßig  wenig Zeit, sich auf den Migrationsprozess vorzubereiten. Sie verlassen das Erstzufluchtsland und nach einem vergleichsweise kurzen Flug kommen sie bereits in einer völlig neuen Umgebung an.
Über die Aufnahmebedingungen in Deutschland sind zuvor kaum und zum Teil unvollständige oder gar falsche Informationen bekannt. Durch andere Geflüchtete oder über Social Media werden teilweise irreführende Gerüchte verbreitet, die ein verfälschtes Bild von Deutschland vermitteln und so zu unrealistischen Erwartungen führen können.
Auch die Erfahrungen von Resettlementflüchtlingen, die in einem anderen Mitgliedstaat aufgenommen wurden, können zu verzerrten Erwartungen führen, da die Aufnahmebedingungen möglicherweise von denen in Deutschland abweichen.

Vorbereitung auf die Ausreise

Um mit dieser schwierigen Erwartungshaltung umzugehen, werden durch die IOM im Auftrag des BAMF bei einer organisierten Gruppenausreise dreitägige Kurse (sog. pre departure cultural orientation) durchgeführt, in denen Informationen über Deutschland vermittelt werden und eine kulturelle Erstorientierung erfolgt. Die Kurse sollen dabei unterstützen, realistische Ziele und Erwartungen zu entwickeln und so die Integration zu vereinfachen. Die Personen haben vor der Abreise die Möglichkeit, Fragen zu stellen und so Klarheit zu schaffen, Sorgen zu reduzieren und Enttäuschungen zu vermeiden.
In diesen Kursen wird mit verschiedenen, auch interaktiven Methoden gearbeitet und sie finden in der Regel direkt vor der Abreise statt. Inhalte, die in diesen Kursen thematisiert werden, sind unter anderem die Reise an sich und das Packen der Koffer, die ersten Schritte und die Ankunft in Friedland, Geschichte und Geografie Deutschlands, Kultur und Werte, Mobilität, Unterbringung und Mülltrennung wie auch Erwerbstätigkeit, Bildungs- und Gesundheitssystem. Um allen Personen die Teilnahme an dem Kurs zu ermöglichen, wird eine Kinderbetreuung vor Ort organisiert.
Die Geflüchteten erhalten zudem eine Kurzinformation über das Leben in Deutschland im Rahmen der Auswahlgespräche des BAMF im Erstzufluchtsland.

Ankunft in Deutschland

Auch nach der Ankunft in Deutschland wird versucht, durch Transparenz und Informationsvermittlung ein realistisches Bild von dem zukünftigen Leben in Deutschland zu schaffen. Die ersten zwei Wochen in Friedland dienen dabei der ersten Orientierung und einem erleichterten und betreutem zur Ruhe kommen nach der Ankunft.
Sowohl seitens der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen als auch von denen auf dem Gelände der Erstaufnahmeeinrichtung ansässigen Wohlfahrtsverbänden Caritas und Innere Mission stehen verschiedene Angebote zur Verfügung.

Wegweiserkurs
Während der zwei Wochen in Friedland können die Flüchtlinge an einem sogenannten „Wegweiserkurs“ des Landes Niedersachsen teilnehmen. Vormittags erlernen sie im Sprachatelier die ersten Wörter, um sich im Alltag verständigen zu können. Nachmittags werden Informationen zum Leben in Deutschland wie z.B. Mobilität oder Gesundheit vermittelt. Daneben gibt es auch Informationen zu den ersten Schritten am neuen Wohnort und zum Bildungssystem.

Beratung
Die Wohlfahrtsverbände der Inneren Mission und der Caritas bieten Beratung und Betreuung an.
Kurz nach der Ankunft in Friedland werden die neu eingereisten Personen zu einer Informationsveranstaltung eingeladen, bei der unter anderem über Wohlfahrtsverbänden im Allgemeinen wie auch über die Angebote der Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer (MBE) und der Jugendmigrationsdienste (JMD) im Konkreten berichtet wird.
Letztgenannte Beratungsangebote wie auch eine Bildungsberatung für Studieninteressierte stehen den Personen auch während ihres Aufenthalts in Friedland zur Verfügung.
Im Anschluss an die Veranstaltungen können bei Bedarf Termine für Beratungsgespräche vereinbart werden. Zu diesen Terminen werden auch Dolmetschende hinzugezogen.
In den persönlichen Beratungsgesprächen haben die Personen zum ersten Mal nach ihrer Ankunft in Deutschland die Möglichkeit, individuelle Fragen zu ihrem zukünftigen Leben in Deutschland zu stellen. Aspekte wie Integration, Spracherwerb, Erwerbstätigkeit, Rechte und Pflichten wie auch Sozialleistungen können hier thematisiert werden.
Sobald die zukünftigen Wohnorte der Personen feststehen, findet im Rahmen von JMD und MBE eine Weiterleitungsberatung statt. Den beratenen Personen werden dabei Adressen, Informationen und Kontaktdaten von Beratungsstellen am neuen Wohnort mitgegeben. Im Einzelfall und mit Zustimmung der jeweiligen Person wird auch im Vorfeld Kontakt zu diesen Stellen aufgenommen und gegebenenfalls bereits Termine vereinbart.

Projekt resettlement.de
Das Projekt resettlement.de unterstützt neu einreisende Personen vor allem in den ersten Wochen nach der Ankunft durch Informationsveranstaltungen, bei denen ehemalig eingereiste Personen ihre eigenen Erfahrungen weitergeben und so als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren fungieren. Zudem besteht im Rahmen des Projekts die Möglichkeit der Vernetzung über Social Media und eine Hotline, an die sich neu Eingereiste wenden können, wenn sie am neuen Wohnort noch keine Unterstützung gefunden haben. Hierüber besteht auch die Möglichkeit, für die Geflüchteten, auch langfristig in Kontakt zu bleiben.
Ergänzend zu den Beratungsangeboten werden außerdem regelmäßig sogenannte Buddytreffen organisiert. Hierbei wird eine Person, die vor einiger Zeit über ein Aufnahmeverfahren nach Deutschland eingereist ist, nach Friedland eingeladen. Die Gruppe der neueingereisten Personen erhält dabei die Möglichkeit, Fragen zu ihrem zukünftigen Leben in Deutschland zu stellen.
Dabei werden die Fragen von Menschen aus dem gleiche Kulturkreis in der jeweiligen Muttersprache der Eingereisten beantwortet.
Die ehemals eingereisten Buddies verfügen über Kenntnisse und vor allem eigene Erfahrungen, von denen die neu Eingereisten profitieren können. Sie haben ähnliche Erfahrungen gemacht, möglicherweise die gleichen Phasen des Migrationsprozesses durchlaufen, waren mit Frustration und schwierigen Situationen konfrontiert.
Als ExpertInnen, die sich in ähnlichen Situationen befunden haben, können sie den gerade Eingereisten wertvolle Tipps und Lösungsansätze mit auf den Weg geben, Unsicherheiten abbauen und sie ermutigen.
Die Neueingereisten können sich mit ihren individuellen Möglichkeiten und Erwartungen auseinandersetzen und ein realistisches Bild von ihren künftigen Aufgaben, Rechten und Pflichten entwickeln.

Projekt Link it
Im Rahmen des transnationalen AMIF-Projekts sollen die Phasen vor der Abreise und nach der Ankunft besser miteinander verknüpft werden. Die Caritasstelle Friedland beteiligt sich an diesem Projekt mit Maßnahmen, die sich unter anderem mit dem Thema des Erwartungsmanagements auseinander setzt. Dabei entstehen Videos, in denen ehemals eingereiste Personen ähnlich  des Konzepts des Buddytreffens den neuankommenden Personen von ihren Erfahrungen berichten und hilfreiche Tipps geben. Zudem wird ein Video entwickelt, welches die ersten Schritte am neuen Wohnort erklärt und die Personen ermutigen soll, selbst aktiv zu werden.

Umgang mit Erwartungen

Mithilfe der Maßnahmen vor der Abreise und nach der Ankunft sollen die Geflüchteten darin unterstützt werden, realistische Ziele und Erwartungen zu entwickeln, sodass Enttäuschungen bei der Ankunft in der Zielkommune entgegen gewirkt wird.
Für die Unterstützerkreise vor Ort und die aufnehmenden Kommunen ist es ebenso schwierig mit den Erwartungen und Enttäuschungen der Personen umzugehen.
Auch wenn zu jedem Zeitpunkt versucht wird, möglichst exakte und realistische Informationen zu vermitteln, entwickeln einige Personen trotz allem unrealistische und zu hohe Erwartungen an ihr zukünftiges Leben in Deutschland.
Diese können aus verschiedenen Gründen entstehen.
Gerüchte, falsche Informationen und die Hoffnung, auf ein besseres Leben schüren Erwartungen, die zum Teil unrealistisch sind.
Werden diese Erwartungen dann im aufnehmenden Land nicht erfüllt, führt dies zu Enttäuschungen und Unzufriedenheit.
Die Aufnahme über Resettlement oder ein anderes Programm stellt einen großen und weitreichenden Schritt für die Personen dar, der viele Hürden und Herausforderungen mit sich bringt. Bei einer Aufnahmezusage durch einen anderen Staat, entwickeln viele Personen große Hoffnungen auf ein besseres Leben. Oftmals sind nur wenige und eher theoretische Informationen über den aufnehmenden Staat bekannt. Die Entscheidung, die Herkunftsregion zu verlassen, bringt viele Veränderungen mit sich.
Trotz der Vorbereitung vor Abreise und der Maßnahmen nach der Ankunft, sind möglicherweise einige der Personen von einem Kulturschock betroffen. Hierzu führen unter anderem der plötzliche Eintritt in eine fremde Kultur und die neuen Eindrücke, die sich nicht mit bisher erworbenen Mustern, Erfahrungen und Einstellungen decken. Es erfordert daher einige Anstrengungen, um das Unbekannte zu bewältigen.
Hinzu kommt die Tatsache, dass es für einige Personen eine unangenehme und nicht erwartete Erfahrung sein kann, von finanziellen Leistungen abhängig zu sein und nicht wie üblich „auf eigenen Beinen“ zu stehen.
Ein nahtloses Weiterarbeiten in den erlernten Berufen ist für die Neueingereisten aufgrund fehlender Sprachkenntnisse und der Anerkennung von Qualifikationen nicht möglich.
Mit der Ankunft in einem fremden Land können außerdem sowohl das kulturelle als auch das soziale Kapital verloren gehen. Die neu eingereisten Personen müssen ihre sozialen Netzwerke neu aufbauen. All dies sind große Herausforderungen, denen die neu eigereisten Personen in der Ankunftszeit in Deutschland ausgesetzt sind.
Besonders zu Anfang bestehen hohe sprachliche Barrieren, die es zu bewältigen gilt und die zunächst Ohnmachtsgefühle und Frustration hervorrufen können.
Erfahrungsgemäß betreffen die Erwartungen der Personen die Themenkomplexe der Unterbringung und Begleitung vor Ort sowie die Verteilentscheidung. Unzufriedenheit und Frustration entstehen häufig dann, wenn nicht wie gewünscht die Unterbringung in einer eigenen Wohnung, sondern wie  häufig der Fall zunächst in einer Gemeinschaftsunterkunft erfolgt. Auch ist nicht allen einreisenden Personen bewusst, dass sie nach ihrer Ankunft in Deutschland viele Termine selbstständig wahrnehmen müssen ohne dass vorab alles organisiert ist. Dolmetschende stehen entgegen der Erwartung einiger nicht überall und dauerhaft zur Verfügung.
Aufgrund von Quoten kann es sein, dass eine Verteilung in das gewünschte Bundesland oder den gewünschten Ort, in dem bereits Verwandte leben, nicht möglich ist.
Die entstehende Frustration wird zum Teil auch auf die BeraterInnen übertragen.
Dabei ist es seitens der UnterstützerInnen und BeraterInnen stets wichtig, klare Informationen weiter zu geben, um so Transparenz zu schaffen. Es sollten keine falschen Versprechungen gemacht werden, die die Erwartungshaltung weiter erhöhen.
Auch ist es wichtig, klientenzentriert und kultursensibel auf die Personen einzugehen.

Mehr erfahren:

PowerPoint-Präsentation zu den Inhalten der Vorbereitungskurse

ICMC Research

PDO IOM

PDO IOM

Managing Expectations